Ein Hauptlieferant kürzt die bestätigte Menge für eine kritische Warengruppe. Im ERP steht zwar ein weiterer Lieferant, doch dessen Konditionen sind abgelaufen, die Verpackungseinheit ist ungeklärt und die letzte Bestellung liegt lange zurück. Für die offenen Kundenaufträge gibt es damit nur auf dem Papier eine zweite Bezugsquelle.
Dual Sourcing bedeutet, denselben Bedarf planmäßig über zwei qualifizierte Lieferanten zu decken. Für den Fachgroßhandel ist das sinnvoll, wenn der Ausfall einer Bezugsquelle die Lieferfähigkeit, wichtige Kundenaufträge oder die Marge spürbar gefährdet. Der zweite Lieferant muss vor dem Engpass fachlich freigegeben, im ERP verwendbar und mit realistischen Mengen erprobt sein. Ein zusätzlicher Lieferantenstamm allein senkt das Risiko nicht.
Kurzantwort
Dual Sourcing verbessert die Versorgungssicherheit, verursacht aber zusätzliche Qualifizierungs-, Pflege- und Beschaffungskosten. Prüfen Sie deshalb nicht pauschal den gesamten Einkauf. Priorisieren Sie Artikel und Warengruppen nach Ausfallwirkung, Austauschbarkeit, Wiederbeschaffungszeit und Einsatzbereitschaft einer zweiten Quelle. Erst danach legen Geschäftsführung und Einkauf fest, welche Mengen beide Lieferanten tatsächlich erhalten und welche Ausnahmen eine Freigabe brauchen.
Dual Sourcing: Welche Vor- und Nachteile zählen?
Der BME-Leitfaden zu den Grundlagen des Einkaufs beschreibt Dual Sourcing als Aufteilung eines Bedarfs auf zwei Lieferanten. Als Vorteil nennt er eine verbesserte Versorgungssicherheit. Zugleich bleibt eine Abhängigkeit bestehen, und die Mengen können je nach Preis und Eignung ungleich verteilt werden. Die Strategie muss daher je Warengruppe und Beschaffungsobjekt entschieden werden.
Für den Fachgroßhandel zeigt sich die Abwägung an fünf Stellen:
| Entscheidungspunkt | Möglicher Vorteil | Möglicher Nachteil |
|---|---|---|
| Lieferfähigkeit | Ein freigegebener zweiter Lieferant kann bei Ausfall oder Kapazitätsgrenze übernehmen | Seine verfügbare Menge und Lieferzeit können im Ernstfall ebenfalls begrenzt sein |
| Konditionen | Zwei aktive Angebote schaffen Vergleichbarkeit | Geteilte Mengen können Staffelpreise, Boni oder Frachtkonditionen verschlechtern |
| Qualität und Sortiment | Abweichungen zwischen Quellen werden früh sichtbar | Artikel, Zertifikate, Verpackungen oder technische Eigenschaften müssen doppelt geprüft werden |
| Tagesgeschäft | Mengen lassen sich nach Bedarf und Leistung verteilen | Einkauf, Stammdaten, Wareneingang und Rechnungsprüfung bearbeiten mehr Varianten |
| Lieferantenbeziehung | Die Abhängigkeit von einer Einzelquelle sinkt | Beide Beziehungen brauchen belastbare Absprachen und ein wirtschaftlich sinnvolles Volumen |
Dual Sourcing ist deshalb keine allgemeine Vorgabe gegen langfristige Lieferantenbeziehungen. Eine konzentrierte Beschaffung kann gute Konditionen, verlässliche Abläufe und gemeinsame Produktentwicklung ermöglichen. Entscheidend ist, ob diese Vorteile das konkrete Ausfallrisiko rechtfertigen und ob ein tragfähiger Rückfallweg besteht.
Wann ist Dual Sourcing im Fachgroßhandel sinnvoll?
Der Einkaufswert allein reicht für die Auswahl nicht. Ein selten bestelltes Ersatzteil mit geringem Warenwert kann für einen Industriekunden betriebskritisch sein. Ein umsatzstarker Standardartikel ist dagegen möglicherweise kurzfristig bei mehreren freigegebenen Herstellern verfügbar. Die Geschäftsführung braucht deshalb eine Sicht auf Wirkung und Ersatzfähigkeit.
Vier Fragen grenzen den sinnvollen Einsatz ein:
- Welche Wirkung hätte ein Ausfall? Betroffen sein können offene Kundenaufträge, vereinbarte Liefertermine, Sortimentszusagen, Serviceverträge oder die Versorgung eines wichtigen Kundensegments.
- Wie austauschbar ist der Artikel? Technische Merkmale, Herstellerbindung, Kundenvorgaben, Zulassungen und Dokumentationspflichten bestimmen, ob eine Alternative eingesetzt werden darf.
- Wie lange dauert der Wechsel? Lieferantensuche, Bemusterung, Konditionsklärung, Artikelanlage, Zertifikatsprüfung und erste Lieferung können länger dauern als der vorhandene Bestand reicht.
- Ist die zweite Quelle wirklich einsatzfähig? Ein gespeicherter Kreditor genügt nicht. Preis, Einheit, Mindestmenge, Lieferzeit, Qualität, Kapazität und Freigabestatus müssen belastbar sein.
Diese Kriterien sind branchenübergreifend, weil Ausfallwirkung, Austauschbarkeit, Freigabezeit und Einsatzbereitschaft in SHK, Elektro sowie Technischem Handel und MRO dieselbe Beschaffungsentscheidung prägen. Die konkreten Nachweise unterscheiden sich: Im SHK-Geschäft können Bauart und Herstellerfreigabe maßgeblich sein, im Elektrogroßhandel technische Daten und Projektvorgaben, im MRO-Geschäft die Austauschbarkeit eines betriebskritischen Ersatzteils.
Die KfW beschreibt Transparenz über Lieferanten, Abhängigkeiten und Störungspunkte als Ausgangspunkt für widerstandsfähigere Lieferketten. Ergänzende Lieferanten und diversifizierte Beschaffungswege können Risiken mindern, bringen aber zusätzliche Kosten mit sich. Genau diese Abwägung gehört in die Entscheidung, nicht erst in die Reaktion auf einen Engpass.
Wie erkennen Sie kritische Einzelquellen?
Beginnen Sie auf Artikel- oder Warengruppenebene. Eine Auswertung nur nach Lieferant verschleiert, dass ein Hersteller für manche Artikel gut ersetzbar und für andere alternativlos sein kann. Verbinden Sie mindestens folgende Informationen:
- führender Lieferant und Anteil am tatsächlichen Bezug;
- freigegebene alternative Lieferanten je Artikel oder Produktgruppe;
- verfügbarer Bestand, offene Bestellungen und bekannte Kundenbedarfe;
- bestätigte und tatsächliche Lieferzeit;
- technische Austauschbarkeit und notwendige Freigaben;
- Mindestbestellmenge, Verpackungseinheit, Fracht und Konditionsstand;
- erforderliche Nachweise, Zertifikate und Herstellerdokumente;
- Zeit und verantwortliche Rolle für einen Lieferantenwechsel.
Eine bestehende Lieferantenbewertung liefert dafür Leistungsdaten wie Termintreue, Mengentreue, Qualität und Zusammenarbeit. Sie beantwortet aber eine andere Frage. Eine gute Bewertung sagt, wie ein Lieferant bisher gearbeitet hat. Die Dual-Sourcing-Prüfung zeigt, welche Folgen sein Ausfall hätte und ob eine zweite Quelle rechtzeitig übernehmen könnte.
Der BME nennt im Leitfaden zum strategischen Lieferantenmanagement unter anderem Ausfallrisiken, Qualität, Liefertreue und Abhängigkeiten. Empfohlen werden eine priorisierte Risikobetrachtung, Szenarien und die Prüfung von Second-Source-Möglichkeiten für strategische Lieferanten. Eine vollständige Überwachung jeder Stufe ist laut Leitfaden aus Transparenz- und Kapazitätsgründen nicht realistisch. Auch deshalb braucht der Mittelstand eine klare Priorisierung.
Was unterscheidet Dual Sourcing von einer Second Source?
Beim Dual Sourcing decken zwei qualifizierte Lieferanten den Bedarf planmäßig. Beide erhalten laufend Bestellungen und bleiben dadurch im operativen Ablauf. Die Mengen können gleich oder unterschiedlich verteilt sein.
Eine Second Source kann in der betrieblichen Praxis als freigegebene Reservequelle geführt werden. In diesem Beitrag bezeichnet der Begriff eine Quelle, die nur bei Bedarf liefert oder ein kleines Erhaltungsvolumen erhält. Das kann die laufenden Kosten begrenzen, birgt aber ein Risiko: Ohne aktuelle Konditionen, Bestellungen und Qualitätsprüfung ist die vermeintliche Reserve im Ausfall möglicherweise nicht sofort nutzbar.
Die passende Form hängt vom Beschaffungsobjekt ab:
- Dual Sourcing passt, wenn ein Ausfall hohe Wirkung hätte und beide Quellen regelmäßig wirtschaftlich eingesetzt werden können.
- Second Source als Reserve passt, wenn eine Alternative aufwendig ist, aber vor dem Störfall freigegeben sein muss.
- Single Sourcing mit dokumentiertem Notfallweg kann vertretbar sein, wenn keine echte Alternative verfügbar ist oder eine Aufteilung fachlich und wirtschaftlich nicht trägt.
- Multiple Sourcing kann für gut vergleichbare Standardartikel passen, erhöht jedoch Koordination und Datenpflege weiter.
Die Entscheidung gehört nicht als pauschale Lieferantenvorgabe in das ERP. Sie gehört an die jeweilige Warengruppe, den Artikel und den begründeten Risikofall.
Wie qualifizieren Sie den zweiten Lieferanten?
Eine zweite Quelle wird belastbar, wenn sie denselben Prüfweg wie der spätere Einsatz durchläuft:
- Bedarf abgrenzen: Artikel, Varianten, Mengen, Standorte und Kundenvorgaben eindeutig festlegen.
- Eignung prüfen: Technische Daten, Qualität, Nachweise, Kapazität, Liefergebiet und Service abgleichen.
- Konditionen vollständig vergleichen: Neben dem Einstandspreis gehören Fracht, Zuschläge, Mindestmengen, Verpackung, Zahlungsziel und Bonuswirkung in die Betrachtung.
- Stammdaten freigeben: Lieferantenartikel, Einheit, Preisgültigkeit, Lieferzeit und Freigabestatus nachvollziehbar anlegen.
- Echten Vorgang testen: Bestellung, Bestätigung, Wareneingang, Qualitätsprüfung und Rechnung mit einer kontrollierten Menge durchlaufen.
- Einsatzregel festlegen: Mengenanteil, Auslöser für eine Verschiebung, Entscheidungsrolle und Rückkehr zum Normalbetrieb dokumentieren.
Die Beschaffung im Fachgroßhandel umfasst dabei mehr als die Bestellung. Bedarf, Anfrage, Freigabe, Wareneingang und Rechnungsabgleich müssen für beide Quellen funktionieren. Bleibt ein Schritt ungeprüft, verschiebt sich der Engpass nur an eine andere Stelle.
Wie dockt Dual Sourcing an ERP und Einkauf an?
Das ERP bleibt führend für Lieferant, Artikel, Kondition, Bestellung und Bestand. Eine ergänzende Auswertung kann Risiken sichtbar machen, darf aber keine zweite Wahrheit über Freigaben und Lieferzeiten erzeugen. Beim Andocken an ERP und Fachsysteme müssen deshalb Quelle, Änderungsweg und Verantwortlichkeit je Wert feststehen.
Für die operative Steuerung braucht jeder freigegebene Lieferantenartikel mindestens einen eindeutigen Status, eine gültige Einheit, einen Konditionsstand, eine planbare Lieferzeit und den Bezug zum Verkaufsartikel. Zusätzlich muss sichtbar sein, ob eine Quelle regulär bestellt, nur als Reserve geführt oder fachlich gesperrt ist. Ändert der Einkauf die Mengenverteilung, müssen Disposition und Bestellvorschlag dieselbe Regel verwenden.
Automatische Bestellvorschläge dürfen eine zweite Quelle nicht allein wegen eines günstigeren Einzelpreises aktivieren. Abweichende Verpackungseinheiten, Mindestmengen, Frachtgrenzen oder Nachweise können den Vorgang unwirtschaftlich oder unzulässig machen. Solche Fälle bleiben in der fachlichen Freigabe.
Wie bewerten Sie Kosten und Geschäftsnutzen?
Die Kosten entstehen nicht nur durch einen höheren Artikelpreis. Zur Entscheidungsseite gehören auch Qualifizierung, Muster, Prüfaufwand, doppelte Stammdatenpflege, kleinere Mengenstaffeln, zusätzlicher Bestand und mehr Lieferantenkommunikation. Auf der Risikoseite stehen mögliche Deckungsbeiträge aus betroffenen Aufträgen, Ersatzbeschaffung, Sonderfracht, Vertragsfolgen und die Wirkung auf wichtige Kundenbeziehungen.
Rechnen Sie deshalb mit eigenen Szenarien statt mit einer pauschalen Einsparungsquote. Für jede priorisierte Warengruppe sollten mindestens diese Messgrößen vorliegen:
- Anteil kritischer Artikel mit einer tatsächlich nutzbaren zweiten Quelle;
- Dauer von der Ausfallmeldung bis zur ersten lieferfähigen Alternativmenge;
- offene Kundenbedarfe und Deckungsbeitrag, die von einer Einzelquelle abhängen;
- zusätzliche Beschaffungs- und Prozesskosten der zweiten Quelle;
- Alter von Konditionen, Freigaben und letzter erfolgreicher Bestellung;
- Ausnahmen, die nur durch Geschäftsführung oder Einkauf freigegeben werden dürfen.
Für die Geschäftsführung im Fachgroßhandel ist damit erkennbar, wo höhere laufende Kosten eine konkrete Lieferfähigkeit absichern und wo der Aufwand keinen angemessenen Gegenwert hat.
Der nächste Schritt: Eine Warengruppe vollständig prüfen
Wählen Sie eine branchenübergreifend wichtige Warengruppe mit erkennbarer Einzelquellenabhängigkeit. Verfolgen Sie die meistbezogenen und geschäftskritischen Artikel vom Lieferantenstamm bis zu offenen Kundenbedarfen. Prüfen Sie anschließend, ob die zweite Quelle technisch freigegeben, kaufmännisch aktuell und operativ bestellbar ist. Dokumentieren Sie Lücken sowie die verantwortliche Entscheidung.
Das Ergebnis ist keine allgemeine Vorgabe für zwei Lieferanten. Es ist eine begründete Liste der Artikel, bei denen Dual Sourcing, eine einsatzfähige Reservequelle oder ein anderer Notfallweg die Lieferfähigkeit schützt. Wenn Sie diese Prüfung für einen begrenzten Bereich aufsetzen möchten, können Sie den heutigen Ablauf in einem unverbindlichen Gespräch mit Conveso abgrenzen.

Geschäftsführer und Berater für den technischen Fachgroßhandel
