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Lektion 2 von 4

Use Cases priorisieren

Warum Priorisierung die eigentliche Steuerungsaufgabe ist

Die meisten Unternehmen haben kein KI-Ideen-Problem. Sie haben ein Fokus-Problem. Sobald Geschäftsführung, Bereichsleitung und IT zusammensitzen, entstehen zehn bis fünfzehn Use Cases — alle plausibel, alle mit einem Funken Wert. Der Unterschied zwischen Unternehmen, die KI erfolgreich einführen, und solchen, die nach zwei Jahren auf einem Friedhof aus halbfertigen Piloten sitzen, liegt nicht in der Ideensammlung. Er liegt in der Entscheidungsdisziplin, die drei bis vier dieser Ideen wirklich bis zur Skalierung zu bringen — und den Rest konsequent wegzulassen.

Diese Lektion gibt Ihnen das Raster, um diese Entscheidung transparent zu treffen.

Die Wert-Aufwand-Risiko-Matrix

Ein bewährtes Vorgehen nutzt drei Dimensionen, jeweils mit einer dreistufigen Skala (niedrig, mittel, hoch).

Dimension 1 — Wertbeitrag. Auf welchen der drei Wirkungsebenen aus Lektion 1 setzt der Use Case an? Wie groß ist die Wirkung realistisch? Ein Use Case, der in einer Abteilung zwei Stunden pro Woche spart, hat weniger Wertbeitrag als einer, der einen vertriebskritischen Prozess um Tage beschleunigt.

Dimension 2 — Aufwand. Was kostet die Umsetzung — nicht nur monetär, sondern auch zeitlich und personell? Gibt es die Datengrundlage? Muss ein Prozess überhaupt erst dokumentiert werden? Sind Integrationen in bestehende Systeme notwendig?

Dimension 3 — Risiko. Regulatorisch (EU AI Act, DSGVO, sektorale Anforderungen), operativ (was passiert, wenn der Use Case schiefgeht) und reputationell (wie sichtbar sind Fehler für Kunden, Medien, Behörden).

Aus der Kombination dieser drei Dimensionen ergibt sich eine nachvollziehbare Reihenfolge. Eine einfache Heuristik: Starten Sie mit Use Cases mittleren bis hohen Wertbeitrags bei niedrigem bis mittlerem Aufwand und niedrigem Risiko. Hoch-Risiko-Use-Cases (z. B. Bewerberauswahl, Kreditentscheidungen) gehören später auf die Roadmap — wenn Prozess und Governance tragen.

Vier Quadranten und was sie bedeuten

Wenn Sie die ersten beiden Dimensionen (Wert und Aufwand) in einem einfachen Diagramm auftragen, entstehen vier Felder:

Quick Wins (hoher Wert, niedriger Aufwand). Die bevorzugte Startzone. Meist Text-, Analyse- oder Entwurfs-Aufgaben, die ohne Integration auskommen und sich in Wochen pilotieren lassen. Hier lernt die Organisation.

Strategische Projekte (hoher Wert, hoher Aufwand). Wertvoll, aber erst nach erfolgreichem Fundament. Zum Beispiel ein umfassendes RAG-System auf unternehmensinternem Wissen, das mehrere Fachbereiche verbindet.

Kleinkram (niedriger Wert, niedriger Aufwand). Nur dann angehen, wenn Kapazität übrig ist. Vorsicht davor, sich im Kleinkram zu verlieren — er bindet Aufmerksamkeit, liefert aber kaum spürbare Wirkung.

Aufwandgräber (niedriger Wert, hoher Aufwand). Konsequent vermeiden. Sie entstehen häufig, wenn ein emotional attraktiver Use Case ohne kritische Prüfung startet.

Pilotfähiger Zuschnitt

Auch ein guter Use Case muss pilotfähig zugeschnitten werden. Drei Kriterien sind entscheidend:

Klare Abgrenzung. Ein Pilot bezieht sich auf einen konkreten Prozess, eine konkrete Nutzergruppe und einen konkreten Zeitraum. „KI im Vertrieb" ist kein Pilot. „KI-gestützte Angebotserstellung für wiederkehrende Standardprodukte im Bereich Sanitärarmaturen, in Niederlassung Nord, über acht Wochen" ist einer.

Saubere Baseline. Bevor der Pilot startet, müssen Sie wissen, wie der Prozess heute läuft: durchschnittliche Dauer, Fehlerquote, Zufriedenheit. Ohne diese Zahlen wird das Ergebnis streitbar — und das richtet in der Organisation mehr Schaden an als ein fehlgeschlagener Pilot.

Entscheidungskriterien im Voraus. Was muss am Ende erreicht sein, damit der Pilot als „Erfolg" gilt? Diese Kriterien müssen vor dem Start schriftlich liegen. Nichts untergräbt die Glaubwürdigkeit von KI-Programmen so sehr wie nachträglich verschobene Zielmarken.

Typische Priorisierungsfehler

  • Die Pfauenrad-Initiative. Wer mit der spektakulärsten Idee startet, bindet die beste Aufmerksamkeit der Organisation. Wenn es scheitert, ist das zurückgewonnene Vertrauen teuer. Besser: mit einem unspektakulären, aber belastbaren Use Case starten und das Selbstvertrauen der Organisation aufbauen.
  • Der Sammel-Pilot. Fünf Anwendungen in einem Piloten unterzubringen, klingt effizient, macht die Wirkungsmessung aber unmöglich. Trennen Sie konsequent.
  • Die Daten-Illusion. „Wir haben Daten" ist selten dasselbe wie „wir haben nutzbare Daten". Ein realistischer Daten-Check vor Pilotbeginn spart Wochen an Rückschritten.
  • Die Einzelhelden-Priorisierung. Ein Bereichsleiter fordert seinen Use Case mit der höchsten Stimme — andere Fachbereiche fügen sich. Das priorisiert politisch, nicht inhaltlich. Ein strukturierter Workshop mit der Matrix oben gleicht das aus.

Ein konkreter Priorisierungs-Workshop in einem Tag

Ein Tagesworkshop mit der richtigen Runde (Geschäftsführung, Fachbereich, IT, Datenschutz) reicht in den meisten Mittelstandsunternehmen, um eine belastbare erste Priorisierung zu erzeugen. Grobe Struktur:

  • Vormittag — Ideensammlung und Clustern. Alle relevanten Use Cases auf den Tisch. Clustern nach Funktion (Vertrieb, Einkauf, Operations, HR, Finanzen).
  • Mittag — Grobbewertung. Je Use Case die drei Dimensionen (Wert, Aufwand, Risiko) diskutieren und einordnen.
  • Nachmittag — Priorisierung und Pilotentscheidung. Auswahl der drei bis vier Use Cases, die konkret pilotiert werden. Zuschneiden auf pilotfähige Tiefe und Laufzeit, Benennen der Verantwortlichen.

Das Ergebnis ist keine fertige Roadmap, aber eine klare Priorisierung mit nachvollziehbaren Argumenten. Das ist nach einem Tag verhältnismäßig und reicht für die nächsten sechs bis neun Monate als Steuerungsgrundlage.

Was Sie aus dieser Lektion mitnehmen

Priorisierung ist der eigentliche Hebel im KI-Portfolio. Die Wert-Aufwand-Risiko-Matrix gibt eine belastbare Grundlage, pilotfähiger Zuschnitt stellt Messbarkeit sicher, und ein strukturierter Workshop schafft die Entscheidungsdisziplin. In der nächsten Lektion rechnen wir die Kosten ehrlich durch — inklusive der Positionen, die im ersten Angebot des Anbieters fehlen.

Wissenscheck

Welche drei Dimensionen sollten bei einer belastbaren Use-Case-Priorisierung mindestens bewertet werden?

Was ist ein typischer Fehler bei der Use-Case-Auswahl?